Ich fälle Bäume – dem Wald zuliebe

Mal einen eigenen Baum fällen, ganz traditionell mit Axt und Säge. Davon träumen wohl viele. Ich durfte es einen Tag lang als Freiwillige beim Bergwaldprojekt ausprobieren und in die Rolle eines Forstarbeiters schlüpfen. Und zwar, um dem Wald zu helfen.

Als Freiwillige oder Freiwilliger beim Bergwaldprojekt wird man mit einer wunderschönen Aussicht auf die Berge belohnt.

Mein Tag als Freiwillige beim Bergwaldprojekt startet früh. Schon um 6.30 Uhr beginnt der Arbeitstag mit einem gemeinsamen Frühstück. Zur Auswahl gibt es Joghurt, Granola, Müesli, Brot, Chäs, Marmelade, Orangensaft und Heissgetränke. Kein schlechter Start in den Tag – auch wenn ich gerne eine Stunde länger geschlafen hätte. 

Anschliessend fahre ich mit 16 anderen Freiwilligen und Michel, unserem Projektleiter, in den Wald. Die Landschaft ist traumhaft. Wir sind in Trin, Graubünden. Am Vortag hat es ordentlich geschneit, darum geniesse ich eine winterlich schöne Aussicht auf die verschneite Berglandschaft und freue mich auf einen Tag im Freien.

Im Wald angekommen, werden Äxte und Sägen ausgeteilt. Ausgerüstet mit Werkzeug verteilen wir uns dann in Gruppen von vier bis fünf Personen in den Bäumen. In meiner Gruppe: Lima (studiert in Deutschland Forstwissenschaften), Götz (studiert zusammen mit Lima), Paula (macht ein Praktikum beim Bergwaldprojekt) und Olivia (ehemalige Psychologin). Zusammen fällen wir heute zwei Bäume. Und zwar so:

Michel (links oben) schaut zusammen mit den Freiwilligen, in welche Richtung der Baum am besten fallen könnte.

Erst wird der Baum beurteilt, um die beste Fallrichtung zu ermitteln. «Wir müssen schauen, wie hoch er ist und ob er schräg gewachsen ist, um zu bestimmen, wie er fallen wird. Auch müssen wir gucken, was drum herum steht, um die beste Fallrichtung zu ermitteln», erklärt Paula. Sie ist als Praktikantin schon seit fünf Monaten beim Bergwaldprojekt dabei. Zuvor hat sie in Deutschland Waldwissenschaften studiert. 

Danach geht es an den Fallkerb. Das ist ein dreieckiger Einschnitt in den Baum (siehe Bild). Er dient dazu, den Baum beim Fallen in die richtige Richtung zu lenken.

Paula erklärt: «Die Tiefe des Fallkerbs hängt von der Breite des Baums ab und sollte ca. einem Fünftel des Baum-Durchmessers entsprechen.» Wir messen einen Durchmesser von rund 30 cm, der Fallkerb muss also 6 cm tief sein. Wir markieren am Stamm mit Kreide, wo die gewünschte Tiefe ist, und sägen horizontal so weit in den Stamm hinein. Anschliessend wird mit einer Axt im 45-Grad-Winkel das Holz oberhalb des Schnitts abgeschlagen, sodass ein dreieckiger Fallkerb entsteht.

Rechts vom Baum ist der Fallkerb. Entgegengesetzt vom Fallkerb wurde der Baum bereits durchgesägt. In die Schnittstelle werden Keile gehauen, welche den Baum umknicken und zum Fallen bringen.

Zu guter Letzt wird der Baum gefällt. Wieder geht es dazu an die Säge. Wir setzen gegenüber des Fallkerbs an und ziehen eine riesige Säge zu zweit hin und her, während eine dritte Person einen Keil in die Schnittstelle einschlägt, um den Baum nach vorne zu kippen.

Und dann fällt der Baum auf einmal. Das Knacken des abreissenden Stammes sowie der Aufprall und die dabei entstehende Schneewolke sorgen für einen echten Adrenalinrausch. Ich fühle mich richtig stark und bin total aufgeregt. Ich will direkt noch einen Baum fällen. Als Belohnung gibt es aber zuerst eine Pause. Das z’Nüni findet zwar erst kurz vor 11 statt, doch fühlt sich umso verdienter an. Es gibt Kaffee, Brot, Chäs, Schokolade und Nüsse.

Nach langer Anstrengung fällt der Baum. Ein unvergessliches Gefühl.

Gestärkt geht es zurück an die Arbeit. Wir hacken die Äste des gefallenen Baums ab. Dann zerteilt Projektleiter Michel den Stamm mit einer Kettensäge in fünf Meter lange Stücke – eine gängige Länge für die Holzindustrie. Er ist der Einzige, der für die Waldarbeiten eine Kettensäge verwendet, und ist bei jedem Baumfall dabei, um für Sicherheit zu sorgen. 

Danach wird aufgeräumt. Die Äste sammeln wir auf Haufen. «Die bleiben im Wald, da sie wichtige Nährstoffe für das Ökosystem und die Waldbewohner bieten», erklärt Lima. Die Stämme hingegen gehen in die Holzproduktion. Dazu müssen wir sie aus dem Wald kriegen. Eine der anderen Gruppen kommt uns zur Hilfe, um die Stämme gemeinsam zu transportieren. Zusammen rollen wir die grossen Stämme auf kleineren Stämmen zur Strasse. Dort lassen wir sie, damit sie abgeholt werden können.

Die Äste werden mit der Axt abgehakt, oder– falls zu breit für die Axt – abgesägt.

Und dann ist wieder Essen angesagt. Diesmal gibt es Kartoffel-Wirsing-Suppe. Paula hat sie bereits über einem Feuer aufgewärmt und den Tisch gedeckt. Die anderen Freiwilligen sind gut gelaunt. Wir alle geniessen die warme Suppe nach harter Arbeit im kalten Wald. Alle haben gute Laune, machen Witze und geniessen die Natur.

Paula teilt die Suppe aus. Sie arbeitet bereits seit 5 Monaten als Praktikantin beim Bergwaldprojekt.

Nach dem Essen geht es weiter. Bäume werden an diesem Tag acht Stück gefällt, wenn ich richtig mitzählte. Aber warum eigentlich?

Michel erklärt: «Es geht um die Verjüngung des Walds. Es handelt sich hier um einen sogenannten Plenterwald. Bedeutet: Der Wald besteht aus mehreren Generationen und wird nicht, wie es oft der Fall ist, auf einmal gerodet und wieder hochgezogen. Ausserdem wollen wir besonders die Fichten herausnehmen, um mehr Platz für Biodiversität und insbesondere Laubbäume zu schaffen. So wird der Wald resistenter gegenüber äusseren Einflüssen.» 

Durch das Fällen helfen wir also dem Bergwald dabei, stark zu bleiben. Das ist wichtig, denn Bergwälder erfüllen eine wichtige Funktion – nicht nur für das Klima, sondern auch für die Sicherheit der Menschen. «Wenn es oberhalb des Tals keine Wälder gäbe, wären die Täler ungeschützt und Lawinen und Geröll von oben ausgesetzt. Der Wald hält das jedoch ab und bildet eine Schutzmauer», erklärt Michel.

Der Wald oberhalb des Tals bildet eine Schutzschicht für das darunter liegende Dorf.

Selbst für das Flachland bilden die Bergwälder eine wichtige Schutzfunktion, wie Michel erzählt: «Bäume und Wälder bieten einen wichtigen Schutz vor Überschwemmungen, denn die Wurzeln saugen Wasser auf, und die Wassertropfen sammeln sich in den Nadeln, wo sie direkt verdunsten können. Das wirkt sich sogar auf die Seen und Flüsse im Flachland auf. Wenn Wälder fehlen, werden Seen und Flüsse schneller überschwemmt.»

Das zeigt: Es ist wichtig, dass wir uns um den Erhalt der Bergwälder kümmern. Das kann sogar Spass machen, wie mir mein Freiwilligeneinsatz zeigt. Der Tag bleibt mir mit guten Gesprächen, Gemeinschaftsgefühl, Natur-pur-Feeling und einem Adrenalin-Kick in Erinnerung. Als es um 17 Uhr nach Hause geht, bin ich etwas traurig. Ich möchte auf jeden Fall wiederkommen.

Ein spannender Tag geht vorbei.

Wenn auch du dich für die Schweizer Bergwälder einsetzen möchtest und schon immer mit Axt und Säge einen Baum fällen wolltest, kannst du dich beim Bergwaldprojekt als Freiwillige oder Freiwilliger melden. Es erwartet dich viel Spass, aber auch harte Arbeit. Michel betont: «Wir finanzieren uns von Spenden und wollen ihnen gerecht werden. Daher stand beim Bergwaldprojekt von Anfang an die Arbeit im Mittelpunkt. Trotzdem soll das Ganze eine Mischung aus Lernen, Arbeiten und Spass sein.»