Wetten, dass Sie keine Ahnung von Bambi haben?

Unsere Wälder sind wild. Rehe und Hirsche sind weit verbreitet, Vögel überall zu hören. Doch einige Tierarten kämpfen in diesem vermeintlichen Paradies um ihre Zukunft.

Das ist bei uns richtig: ein Europäisches Reh. Das Buch-Bambi.

«Schau dort, ein Reh.» Ein Satz, und wir erinnern uns gleich an die Waldspaziergänge, als wir noch Kinder waren. Das Reh ist der Mythos des Schweizer Walds. Irgendwie überall, aber aufgrund seiner Scheuheit unnahbar, geradezu mystisch. Zudem ein Tier, über welches viel Halbwissen kursiert. Schuld daran ist zu einem grossen Teil Walt Disney.

– Nein, der Hirsch ist kein männliches Reh.
– Nein, Bambi ist auch kein Reh. Oder doch. Es ist kompliziert. Und vor allem ist Bambi ein Männchen.
– Nein, die Rehe in unseren Wäldern haben keine weissen Punkte auf dem Körper.

Allesamt quasi Fake News, allesamt haben sie ihre Gründe wohl im Disneyfilm «Bambi». 

Das ist bei uns falsch: ein Weisswedelhirsch. Das Trickfilm-Bambi.


Das Wort «deer»
1935 erhielt Disney das Angebot, ein Buch namens «Bambi» als Zeichentrickfilm umzusetzen. Geschrieben hatte das Werk ein paar Jahre zuvor ein österreichischer Jäger namens Felix Salten. Einer, der sich auch im Schweizer Wald gut ausgekannt hätte. Bei ihm war Bambi logischerweise ein Kitz der bei uns heimischen Gattung Europäisches Reh. 

5 Rappen von jeder verkauften Dose sind für den Schutz des Schweizer Waldes bestimmt.

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Die US-Zeichner des Disneystudios machten nun aus Bambi einen Weisswedelhirsch, eine in Nordamerika heimische Art. Ob diese Änderung Absicht, Unwissenheit oder Gleichgültigkeit war, ist unbekannt. In der deutschen Übersetzung des Films blieb Bambi allerdings ein Reh. Auch wenn im Bild stets ein Hirsch zu sehen ist. Das Grundproblem dürfte das Wort «deer» sein, das im Englischen sowohl für Reh als auch für Hirsch gebräuchlich ist.

Noch heute, fast achtzig Jahre nach Erscheinen des Films, zeichnen viele Schweizer Kinder weisse Flecken auf den Rücken, wenn sie ein Reh malen. Ein Merkmal, das unsere Rehe nicht aufweisen. Der Weisswedelhirsch, und damit Bambi, aber schon. Viele Kinder zeichnen diese weissen Flecken übrigens auch ins Gesicht des Rehs/Hirschs. Dort sind diese Punkte aber so oder so falsch. Rehe haben auch keinen Schwanz, anders als Bambi.

Bei uns ebenfalls richtig: Rotwild

Bambis Vater war ein Hirsch
Es würde sich also lohnen, beim nächsten Waldspaziergang ein Reh länger und genauer anzuschauen. Wenn es nicht gleich über alle Berge türmen würde …

Wahrscheinlich ist Disney auch schuld am Irrglauben, dass der Hirsch der Mann des weiblichen Rehs ist. Denn: Im Film wird Bambi von einem grossen Hirsch, seinem Vater, beschützt. Logisch: Bambi ist im Film ja selber auch ein Hirsch. Kompliziert? Scheinbar, aber nur wegen Disney.

Zu den Fakten: Gemäss Schweizer Jagdstatistik leben in der Schweiz rund 142’000 Rehe und 39’000 Rothirsche. Beide gehören zur Familie der Hirsche (Cervidae). Zu dieser gehören beispielsweise auch der Elch und das Ren. Beide sind mit dem Reh näher verwandt als der Hirsch.


Die Rückkehr des Luchses
Reh und Rothirsch sind nicht gefährdet. Andere Tiere gehören eigentlich in den Schweizer Wald, haben aber mehr Mühe.

Ein bekanntes Beispiel ist der Luchs. Ein wunderschönes, elegantes Tier. Ein umstrittenes Tier, weil es gerne Schafherden angreift. Vor rund hundert Jahren war der Luchs weg aus der Schweiz. Neben der Jagd war die Entwicklung des Walds ein Hauptgrund. Die Katze bevorzugt grosse Waldareale. Diese wurden in der Schweiz aus wirtschaftlichen Gründen kleiner und fragmentierter. Erst ab den 1970er-Jahren wurde der Luchs in verschiedenen Projekten wieder angesiedelt.

Sein Überleben in der Schweiz ist weiterhin nicht gesichert, ein wichtiger Grund ist eine logische Folge der Wiederansiedlung. Es gibt zwar ungefähr 250 Katzen, diese stammen aber aus nur drei Populationen oder quasi «Stammbäumen». Die genetische Vielfalt ist gering, das macht das Tier anfällig für äussere Einflüsse. 

International ist der Luchs übrigens überhaupt nicht gefährdet: Es gibt grosse Gebiete, zum Beispiel Skandinavien oder weite Teile Russlands, in denen grosse Populationen leben. Das ändert nichts daran, dass man ihn in der Schweiz – einem ebenfalls angestammten Gebiet – erhalten möchte.

Ähnlich ist die Geschichte des Wolfs in der Schweiz: Laut Website des Bundesamts für Umwelt, Verkehr Energie und Kommunikation gibt es bei uns derzeit 80 Tiere, die aus acht Rudeln stammen. Es sind gegenüber den oben genannten Reh- und Hirschpopulationen geringe Zahlen. Der Schweizer Forstverein führt denn auch als erstes Argument für den Luchs und den Wolf auf: Sie leisten einen wichtigen Beitrag in der Bestandesregulierung von Reh, Hirsch und Gämse.

Der Frosch und der Wald
Frösche erwartet man eher an Flüssen und Seen. Die Heimat des Springfroschs ist aber der Wald. Auch bei ihm gilt: Er ist in vielen Ländern Osteuropas und des Balkans in keiner problematischen Lage. In der Schweiz aber schon.

Wie so oft kommt bei ihm erschwerend hinzu, dass er eine unauffällige Spezies ist. Wer sich gut versteckt, wird seltener gesehen, ist schwieriger zu schützen. Er quakt zum Beispiel meist nur unter Wasser. Und er bevorzugt lichte Laubmischwälder. Der Siegeszug der Fichte und damit einhergehende Verdunkelung des Wals hilft dem Springfrosch nicht.

Nun könnte man sich denken, es sei nicht so wichtig, den Springfrosch bei uns zu erhalten. Es gibt ihn schliesslich in genug anderen Ländern, die Schweiz befindet sich sowieso am Rand seines Ausbreitungsgebiets. Ganz so einfach ist es nicht. Ist der Springfrosch einmal weg aus der Schweiz, befindet sich der äusserste Rand seiner Verbreitung vielleicht in Österreich. Wenn er dort auch ausgestorben wäre? Dann vielleicht im Südtirol oder in Ungarn. Sein Gebiet wird kleiner und kleiner. Deshalb ist es wichtig, von Anfang an die «Randregionen» zu schützen. 

Scheue Waldbewohner Fuchs und Dachs
Die Welt des Fuchses hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Einst war er der unsichtbare Hühnerdieb, der nachts den Wald verliess und im Bauernhof angriff. Heute ist es keine Seltenheit mehr, auch mitten in der Stadt des Nachts einem Fuchs zu begegnen. Ihm kommt zugute, dass er ein Allesfresser ist. Auch die Siedlungsabfälle interessieren ihn. In der Schweiz werden jährlich rund 30’000 Füchse geschossen, dennoch wächst die Population.

Weit verbreitet ist auch der Dachs. Allerdings dürften viele Schweizerinnen und Schweizer  trotzdem noch nie einen zu Gesicht bekommen haben. Dachse sind nachtaktiv und verbringen sehr viel Zeit in ihrem sicheren Bau. Seine härteste Zeit hatte er in der Schweiz vor rund 50 Jahren: Die Tollwut grassierte. Die Infektion wird zwar eher mit dem Fuchs in Verbindung gebracht. Doch die beiden scheuen Spezies des Walds teilen sich oft den Unterschlupf. Die Bauten der Füchse wurden im Kampf gegen die Tollwut ausgeräuchert und vergast. Opfer wurde öfter der Dachs, seltener der Fuchs. Eine Zeit lang musste befürchtet werden, dass der Dachs deshalb bei uns ausgerottet werden könnte.

Mittlerweile ist die Bestandsdichte beim Schweizer Dachs deutlich am Steigen und sogar wieder höher, als sie es vor der Tollwut war.

Der Rotmilan: Scheinbare Erfolgsgeschichte

Natürlich ist der Wald auch für Vögel bekannt. Schliesslich zwitschtert es überall. 14 europaweit gefährdete Vogelarten brüten auch in der Schweiz, nicht alle gehören indes in den Wald. Nicht alle von ihnen sind auch bei uns gefährdet, manchmal wird ihr Dasein in der Schweiz deshalb aber umso wichtiger.

Der Rotmilan wird bei uns immer besser sichtbar. Der Greifvogel kann mittlerweile in vielen Siedlungsgebieten beobachtet werden. Oft präsentiert er seinen rotbraunen Bauch, wenn er elegant über die Felder kreist. Gerne hält er sich aber auch am Waldrand auf. Die Statistiken bestätigen den Befund: Die Zahl der Brutpaare in der Schweiz hat sich in den letzten zwanzig Jahren auf wohl etwas mehr als 3000 verdreifacht. Kein Grund zur Sorge?

Nun, international zeigt der Trend in eine andere Richtung. In anderen Ländern nimmt die Verbreitung des Greifvogels ab. Wahrscheinlich leben heute rund zehn Prozent aller Rotmilane in der Schweiz (und rund fünfzig Prozent in Deutschland), Tendenz steigend. Dass es diesem Vogel bei uns gut geht, ist deshalb nicht in erster Linie von nationaler, sondern von internationaler Wichtigkeit.